10. September 2013

MARKTPLATZ 2013


«MEIN NACHBAR UND ICH: ZUSAMMENLEBEN VON GENERATIONEN AUF DEM DORF UND IM QUARTIER»



IMPRESSIONEN



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KANN MAN GUTE NACHBARSCHAFT BAUEN?


Im Prinzip nein, aber die gebaute Umgebung ist natürlich ein wichtiger Faktor, wenn es um die Beziehungen im sozialen Nahraum geht. Wie sich die nachbarschaftlichen Beziehungen entwickeln und welche spezifischen Gegebenheiten zu betrachten sind, wenn die «Generationenbrille» aufgesetzt wird, stand im Zentrum des Marktplatzes 2013 der Generationenakademie. Rund 70 Interessierte und Fachleute sowie Vertreter/innen von Stiftungen und Hochschulen profitierten von Referaten und nutzten die Gelegenheit, sich in Workshops auszutauschen: Was macht ein gutes Zusammenleben im Quartier aus? Was bedeutet gute Nachbarschaft und was bedingt diese? Welche Rolle spielen Generationen? Welchen Beitrag kommt der baulichen Infrastruktur zu? Und welche weiteren Massnahmen können helfen, um möglichst alle Generationen im Blick zu haben bzw. die Kontakte zwischen Generationen zu fördern? Was sind Bedingungen für eine gute Nachbarschaft – über unterschiedliche Generationen hinweg?


NUR EIN NEUGIERIGER NACHBAR IST EIN GUTER NACHBAR

Weil sich nachbarschaftliche Beziehungen durch eine bestimmte Unverbindlichkeit auszeichnen, müssen sie behutsam gepflegt. Sie können nicht von Grund auf konstruiert werden und jede noch so gut gemeinte instrumentelle Verknüpfung von Hilfeleistungen und Nachbarschaft erstickt das Vorhaben im Keim. Bauliche Vorkehrung wie gemeinsame Gärten, halböffentliche Räume oder gute Durchmischung der Wohungsgrössen und -typen können förderliche Rahmenbedingungen  zur guten Nachbarschaft sein, wenn sie das Verhalten der Mieter/innen und Nutzer/innen auch tatsächlich zu beeinflussen vermögen. Erst wenn die Neugier und Lust auf gemeinsames Wirken geweckt ist, werden sich die guten Voraussetzungen auch in guten Nachbarschaften niederschlagen. So ist dem populär gewordenen Mehrgenerationenwohnen nur dann Erfolg sicher, wenn der Zeithorizont mit begleitenden Massnahmen weit über die Erstellung hinaus reicht: Planung und Bau sind zwar erste wichtige Schritte; die gezielte Vermietung und die kontinuierliche Anregung von Kontakten sind mindestens ebenso wichtig.. Und richtig erfolgreich scheint Mehrgenerationenwohnen vor allem dann zu sein, wenn die Struktur der Bewohner/innen einer Liegenschaft oder Siedlung ein Abbild der gesamten Bevölkerung ist.


VON INITIATIVEN EINZELNEN (ODER EINZELINITIATIVEN) BIS ZUR GENOSSENSCHAFT

Dafür, dass sich für alle Generationen gute Nachbarschaften entwickeln können, setzen sich viele Akteure ein: So sind Einzelinitiativen von Bauherren oder auch die tagtäglich gelebte Nachbarschaftshilfe beim Einkaufen oder Schlüsselhüten oft wichtige Bausteine für den sozialen Kitt. Darüber hinaus kommt in Quartieren, in denen das Zusammenleben speziell gefördert wird, das ganze Repertoire der Quartierentwicklung zur Anwendung und entfaltet Wirkung: Sei es ein Quartierbüro, spezielle Aktionen der Gemeinde, die Förderung des Langsamverkehrs, kontaktförderndeAussenräume; fast immer steht die soziale Infrastruktur im Zentrum dieser Bemühungen. Eine besondere Rolle nehmen oft auch Baugenossenschaften wahr, die dank langem Horizont und partizipativem Vorgehen gute Voraussetzungen dafür bieten, dass gute nachbarschaftliche Kontakte zwischen Bewohnern aller Generationenen realisiert werden kann. Alle praktischen Erfahrungen aus diesen Bereichen fanden am Marktplatz breite Beachtung und Interesse. Quartiere und Nachbarschaften sind als Potenzialräume zu betrachten, in denen auch Experimente möglich sind. Dabei müsste das Experimentieren vor allem ein Ziel haben: In einer anregenden Wohnumgebung, deren öffentlichen Räume für alle zugänglich sind, den sozialen Kitt zu stärken.

Unter anderen wurden die folgenden Fragen aufgeworfen, die weitere Diskussionen zur Folge haben werden:


SIND SICH DIE LEBENSWELTEN UNTERSCHIEDLICHER GENERATIONEN ZU UNTERSCHIEDLICH, UM GUTE NACHBARSCHAFT ZUZULASSEN?

Da gute Nachbarschaft am Ende auf sozialen Kontakten beruht, diese am besten durch Sympathien getragen werden – die wiederum dann entstehen, wenn man sich ähnlich ist –, besteht bei konstruierten Nachbarschaften zwischen Generationen (mit unähnlichen Lebenswelten) immer ein grosses Restrisiko, dass es beim Willen bleibt.


KOMMT EINE VERSTECKTE SELBSTSELEKTION ZUM ZUG?

  • Mehrgenerationenwohnen zieht eine sehr bestimmte (sozial affine, zahlungskräftige) Klientel an. Was gibt es für den Rest?
  • Worin besteht die Motivation für gute Nachbarschaft?
  • Wer hat eigentlich welches Interesse, dass das Zusammenleben von Generationen funktioniert? Kann es funktionieren, wenn es nur Bauherren wie beispielsweise Genossenschaften wollen, aber Nutzer/innen kein Interesse haben? Genügt das gemeinsame Interesse an günstigem Wohnraum als verbindendes Element?